Estlandgroßfahrt 2015

Aktualisiert: 18. Feb 2019

Ein leichtes Rauschen der hochstämmigen Kiefern und der Wellen der Ostsee in meinen Ohren, ein kühler Wind durchweht meine Haare und ich genieße die letzten warmen Sonnenstrahlen des Tages auf meiner Haut. Zusammen mit meiner Schwester sitze ich auf einem Holzsteg in einem kleinen Dorf in Estland und sehe zu, wie die Sonne im Meer versinkt und den Himmel dabei in ein gelb-orange-rotes Leuchten verwandelt. Wir sitzen hier nun schon einige Zeit und warten auf die sieben anderen Mädels mit denen wir gemeinsam die nächsten drei Wochen durch Estland wandern und trampen wollen.

Gerade noch standen wir auf dem Sommerlager in Deutschland, bauten mit anderen Kameraden zusammen das Lager ab, verstauten das Material und fuhren dann 22 Stunden mit dem Bus durchs Land der dunklen Wälder, über Warschau, Kaunus und einige kleine Zwischenstopps nach Riga. Doch lange verweilten wir hier nicht, denn unser Zielland war Estland.

Nachdem die Sonne weg war, wurde es auch rasch kühler und der warme Pullover und die Strumpfhose wurden schnell ausgepackt. Sommer in nordischen Ländern ist doch anders als in südlicheren Ländern. Doch von den anderen sieben Mädels war immer noch weit und breit keine Spur zu sehen. Sollte ich mir langsam Sorgen machen? War die geplante Trampstrecke doch zu weit für einen Tag? Können vier einzelne Trampgruppen es an einem Nachmittag schaffen, die weite Strecke zu überbrücken? Bisher hatte ich immer nur gehört, dass es schwierig werden könnte mit dem Trampen im Baltikum – aber das waren Jungs. Oder sollten sie doch recht behalten?

Doch während mir diese Gedanken durch den Kopf gehen, kann ich in der Dämmerung zum Glück zwei Mädels erkennen, die es nun auch geschafft haben. Puh, Glück gehabt – wenigstens sind wir jetzt nicht mehr nur zu zweit. Doch wo blieben die anderen fünf?

Vielleicht saßen sie ja doch schon am Strand und warteten dort auf uns. Aber auch am Strand waren weder Menschen, noch Feuer zu sehn, dass sie eventuell verraten hätte. Zur einen Seite endlos langer Sandstrand, vor uns die weite Ostsee, über ihr der Mond am Himmel und auf der anderen Seite eine Bucht, bewachsen mit Schilf. Und nun? Sollten wir uns einfach hier hinlegen und hoffen, dass wir am nächsten Morgen auf die anderen treffen? Doch halt, was war das? Am anderen Ende der Bucht sahen wir ein Licht, Taschenlampen, die blinkten – das müssen doch die Mädels sein! Und so war es auch. Also es funktioniert doch mit neun Mädels zu trampen. Der Fehler lag wohl nur daran, dass die Dorfmitte ein gewagter Treffpunkt ist, wenn es keine wirkliche Dorfmitte gibt und jeder etwas anderes darunter versteht. (:

Die ersten warmen Sonnenstrahlen kitzelten uns am nächsten Morgen wach. Die Ostsee, die sich direkt vor unseren Füßen erstreckte, musste auch nicht lange warten, bis neun Mädels ihre Füße in die Hand nahmen und in die Fluten rannten. Was kann es schöneres geben, als so ein Morgen am Meer?


Doch schon bald packten wir unsere Affen, denn wir wollten weiter… weiter in den Norden, mehr von diesem jetzt schon so wunderschönen, faszinierenden Land sehen. Unser nächstes Ziel war die Insel Ösel. Wir vereinbarten den nächsten Treffpunkt und teilten uns wieder in unsere kleinen Trampgruppen auf, verteilten uns an der Straße oder wanderten schon in die Richtung los. Jeder versuchte für sich die beste Taktik heraus zu finden, wie man am schnellsten und besten mitgenommen wird. Die beste Methode möchte ich euch nicht vorenthalten, und sie funktioniert immer – zumindest bei uns Mädels. Neun Mädels auf einem Haufen die mitgenommen werden wollen, da hält so schnell keiner an. Aber wir stellten uns im Abstand von 50 bis 100 Meter auf, manch einer lief noch weiter. Die Autofahrer die vorbei fahren sehen die ersten zwei Mädels und wissen nicht so genau, ob sie die beiden wirklich mitnehmen sollen. Dann sehen sie die nächsten zwei Mädels, und fangen schon an zu lächeln. Bei der dritten Gruppe wollen sie schon halten, fahren aber noch zu schnell, um zu bremsen. Und siehe da, bei der letzten Gruppe halten sie dann an und schon sind die ersten mitgenommen. Ein Spiel mit der Psyche der Autofahrer – probiert es aus. (:

In Virtsu, von wo aus die Fähre auf die Insel Ösel abfährt, trafen wir uns alle wieder und fuhren singend und lachend auf dem Deck stehend, den Wind in den Haaren auf die Insel rüber. Hier wanderten wir zu den Ruinen die übrig geblieben sind von der Ordensburg Maasilinn direkt am Meer.

Die nächsten Tage verbrachten wir auf der Insel Ösel. Von der Ordensburg wanderten und trampten wir nach Kuressaare, der größten Stadt auf Ösel, dessen Mittelpunkt die mittelalterlichen Arensburg bildet. Doch auch hier konnten wir nicht lange verweilen, denn bevor wir wieder auf das Festland in die Hauptstadt Estlands fuhren, wollten wir noch einmal ganz in den Norden der Insel. Je weiter wir uns von Kuressaare entfernten, desto weniger Autos und Menschen trafen wird. Nur eine einzige Straße führte gen Norden, aber wenn hier nur jede Stunde mal ein Auto vorbei fährt, dann kommt es auch bei uns mal vor, dass wir für 40 km fast 7 Stunden brauchen, um alle ans Ziel zu kommen. Aber es lohnte sich definitiv.

Ganz im Norden der Insel gibt es eine Steilküste. Und obwohl hier am Tage doch ein paar Touristen sind, hatten wir am späteren Nachmittag die ganze Küste und den Wald für uns allein. So ist das in Estland – direkt am Meer, einem wunderschönen Strand, nicht weit entfernt von Häusern, von denen wir Trinkwasser bekommen können, und doch mitten im Nirgendwo. Keiner stört sich an neun Mädels die abends im Feuerschein am Meer sitzen, reden, singen, lachen, dem Rauschen des Meeres lauschen, die untergehenden Sonne und ihr Farbenspiel am Himmel bewundern und deren Gedanken sich später im dunkelblauen, sternenklaren Himmel verlieren.


Drei von uns mussten leider schon früher nach Hause, aber in Tallinn wollten auch sie gewesen sein. So verließen wir die einsame Nordküste der Insel Ösel und machten uns auf die Stadt. Doch auch hier fühlten wir uns sofort sehr willkommen und gut aufgehoben. Tallinn hat eine wunderschöne Altstadt, die noch sehr mittelalterlich dargestellt wird. So haben die Kellner der Restaurants zum Beispiel alle mittelalterliche Kleidung an. Natürlich ist das alles der Touristen wegen so aufgemacht, aber es hat auch irgendwie so seinen Charme. Wir konnten es natürlich auch nicht sein lassen, die Gelegenheit beim Schopfe zu packen und den vorbeiziehenden Menschen unsere Singkünste zu darzubieten. Und wer kann an neun Mädchen in roten Blusen, mit windzerzausten Haaren und lachenden Gesichtern vorbei gehen ohne kurz zu zuhören, ein paar Münzen da zu lassen oder ein Foto (selbst wenn es mit dem ‚Selfie-Stick‘ ist) zu machen? Das Singen hat sogar so gut funktioniert, dass wir uns unsere kompletten Essensausgaben zurück ersingen konnten.

Nachdem uns die drei Mädels dann leider verließen und wieder zurück Richtung Riga trampten, machten wir anderen uns auf den Weg raus aus der Stadt. Wir wollten weiter Richtung Osten in den Lahemaa-Nationalpark, wieder ein paar Tage pure Natur und wandern. Traumstrände, einsame Buchten, Wacholderbüsche, Blaubeeren und sumpfige Heidekiefernwälder. Die Wälder sind übersäht von unzähligen größeren oder auch kleineren teilweise moosbedeckten Findlingen. Sie säumen auch die Meeresbuchten und wirken im flachen Wasser liegend wie kleine Inselchen ohne Vegetation.

Viel zu schnell verließen wir die Einsamkeit schon wieder und es ging zurück nach Reval. Denn beim ersten Mal singen, hatten wir erst die Hälfte der Essensausgaben ersingen können. Wir wollten noch einmal unser Glück versuchen und unsere Rechnung ging glücklicherweise tatsächlich auf.

Und dann war auch schon unser letzter Abend in Estland gekommen. Morgen mussten wir zurück nach Lettland, Richtung Riga. Heute wollten wir noch mit leckerem Essen den Abschlussabend in Estland genießen. So ließen wir am nächsten Tag Estland hinter uns und trafen uns in einem kleinen Örtchen am Strand kurz vor Riga wieder. Der letzte Abend am Meer, diesmal allerdings in Lettland. Hier war die Luft deutlich wärmer und auch das Wasser hatte eine angenehmere Natur. Ein letztes Mal ein Feuer im Sand am Meer, ein letztes Mal die Sonne am Horizont versinken sehn, ein letztes Mal mit den anderen Mädels zusammen sein und die Stille um uns rum genießen, ein letztes Mal um Mitternacht in die Fluten der Ostsee springen, ein letztes Mal im Moos unter den Kiefernbäumen schlafen, ein letztes Mal für diesen Sommer – aber der Nächste kommt schon bald.

Der nächste Morgen brachte uns aber erstmal nach Riga und von dort aus zurück nach Deutschland, wieder nach Hause mit vielen schönen Eindrücken und Erlebnissen im Gepäck, oder besser gesagt im Affen! (:

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